Pferde

15. 10. 2009 // // Kategorie Randnotizen 2009

Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen.

Die Straßen und die Fortbewegungsmittel aus einer anderen Welt, kleine Kästenwagen, auf deren Ladefläche Kohle transportiert wird, Schneemassen in der breiten Oderberger Straße, die auf die Mauer zuführt (war das so, ist das nicht falsch, wünsche ich mir die Oderberger in diesen Film aus 1979 hinein?), wüst zur Seite geschoben, genug Platz für den Schnee, parkende Autos sieht man nirgends. Frisuren, wie ich sie auch getragen habe, als kleines Mädchen in den 70ern und auch später immer wieder einmal, weit weg von langen Haaren. Vokabel wie »sozialistischer« und »kapitalistischer« Lehrmeister kommen den Jugendlichen ganz automatisch über die Lippen. Sie reden von Schrankwänden und davon, wie sehr man das Spießertum nach hinten verschieben kann, das Erwachsen- und damit Langweiligwerden, den Zeitpunkt, an dem man seine Träume aufgibt und statt der wilden Regale eine Schrankwand in seine Wohnung lässt. Dazwischen eine Fontane-Figur auf dem volkseigenen Gut Groß-Stieten, eine toughe Fontane-Figur zwar, schließlich besucht sie eine Schule mit angeschlossenem Internat mit Ausbildung in der Rinder- und Schweinezucht. Sie spricht aber wie eine wilde Effi, zwischendurch reiten zwei Mädchen im Morgengrauen über das hügelige Anwesen des Gutes, die Schwarzweißbilder suggerieren einen Auftritt Hanna Schygullas und dass am Horizont Plattenbauten und ein sehr hoher Schlot auftauchen, stört gar nicht, eher im Gegenteil.
In einem Film über Arbeit in der Zukunft, knapp 30 Jahre später in einem sog. wiedervereinten Deutschland gedreht, erzählt ein Zwölfjähriger von seiner größten Angst : als Hartz-IV-Empfänger auf der Straße zu landen. Die Gesichter, Portraits, Gestalten der Jugendlichen sind zu sehen, ihre Stimmen hört man fast immer aus dem Off, was ich nicht unpassend finde, weil sie auch genau das erzählen, was alle hören wollen – ernsthaft beschreiben sie ihre Zukunft, niemand sagt laut, dass er/sie einfach nur Geld haben und berühmt werden will, wie es »meine« Schüler tun, sollen sie von Zielen und von Träumen sprechen. Aber von Angepasstheit war auch 1978/79 in den DEFA-Filmen die Rede und die Jugendlichen, die um mich herumsitzen, bekommen wieder nicht den Mund auf, abgesehen von den dreien, die brav erzählen, was sie meinen, dass die Moderatorin oder der begleitende Lehrer von ihnen hören möchte.

Zu Mittag esse ich mit Kolleritsch und Stift gebratene Nieren, muss ich dabei natürlich an meine Oma denken, mit ihr sind diese Gerichte in meiner Familie ausgestorben, auch der Scheiterhaufen, alle möglichen Knödel oder Strauben, Hirn mit Ei schon etwas früher. Hat sich etwas verändert (in G.?), werde ich abends von Elisabeth gefragt und sie zieht die Frage gleich wieder zurück, ich weiß nicht genau, warum. Natürlich. Jetzt gibt es Coffeeshops, die Namen wie in New York haben und die Menschen bemühen sich, auch bei kälteren Temperaturen, lässig auf den Bänken am Gehsteig zu sitzen und ihren parfümierten Latte Macchiato zu trinken. Galerien und Projekträume sind entstanden und eigentlich auch ganze Stadtteile, von deren Existenz man vor zwanzig Jahren nichts wusste, aber das sind lauter bekannte Fakten, die in jedem Reiseführer stehen. (Und ich bin ja eine Reisende, lebe im Hotel, tue nicht so, als wäre dieser Zustand ein mir als Autorin angemessener, ich sitze auf einer Bank im Stadtpark und lese Hotschnigg, ich kann nicht laufen gehen, weil ich für den plötzlichen Temperatursturz falsch ausgerüstet bin usw.)
Für mich war es unvorstellbar, dass hier, in G., meine Zukunft anfangen könne. Zu nahe und zu fremd in dieser Umgebung. Fontane, so Fassbinder, analysierte die Schwächen und Fehler einer Gesellschaft, die er dennoch akzeptierte, weil er in ihr lebte und auch die positiven Seiten wahr- und in Anspruch nahm. In diesem Punkt waren sich Fontane und Fassbinder ähnlich. Dessen ästhetisches Spiel mit Erzählperspektiven und Formen der Vermittlung, ferne und distanziert, schön und kühl, stellte doch eine sehr akute Möglichkeit dar, Fontanes klare Haltung zu seiner Figur zu inszenieren und nicht die traurige Geschichte einer Frau in einer Opferrolle. In einem Film wie dem der jungen Filmemacherin Anna Wahle ist diese Form der Inszenierung selbstverständlich geworden und wird auch von den jugendlichen Zuschauern kapiert, davon ist auszugehen.

Roland Steiner, Jugend-Zeit (1978), Jugend-Zeit … in der Stadt (1979)
Anna Wahle, Mit Pferden kann man nicht ins Kino gehen (2006)

[ Zum Ausmessen meiner Schritte – Fontane, Fassbinder, Steiner, Wahle ]