Dressing up for Steirischer Herbst 7

26. 9. 2016 / 14:15 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2016

praeauer7

Eröffnungsabend in der Helmut-List-Halle, Tess, aus Hamburg mondän frühmorgens angereist, trägt ein gefüttertes Seidenblouson von Escada mit schwarz-weiß-goldenem Dalmatiner-Muster und die freudig-nervöse Erwartung der folgenden, unabsehbaren, Ereignisse im Herzen.

»Die Nacht der Maulwürfe« wird gefeiert, zirka sieben Maulwürfe tragen überdimensionale fellig-kunstpelzige Maulwurfkostüme, bauen und zerstören die Elemente der Bühnenkulisse, singen später mit Dorit Chrysler (ja, waren das dieselben Maulwürfe?!), sie: Glanz und Glitter im Gesicht, tanzen bis spät in die Nacht, bis um etwa zwei Uhr morgens ein böser Mensch/Plan/Kollektiv ohne Vorwarnung, ohne Vorwarnung!, die herrliche Party abdreht.
Einfach vorbei. Bleibt bloß der schwache Trost, dass man angeblich aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Was aber hätte man einander erzählt, wäre es weitergegangen? Wäre es nicht legendär geworden, »weißt du, damals, 2016, da hat man noch getanzt beim Steirischen Herbst, bis der Mantel brannte«?! Wie war das in den wilden 80ern? Werner Schwab, der ist doch nicht um zwei Uhr morgens heimgegangen, weil einer die Musik abdreht!

Was außerdem, davor und danach, passiert ist: Cynthia hat ihren alten Kunstgeschichteprofessor wiedergetroffen, er hat noch spät auf der Tanzfläche mit der Deko-Alufolie geshaket. Gloria wiederum hat von einem gutaussehenden höheren Beamten Feuer angeboten bekommen und im Verlauf des Abends die eine oder andere Zigarette von unterschiedlichen Publikumsgästen erschnorrt. Sharon allerdings ist mit Igor und Dominika in den In-Schuppen »Postgarage« gefahren, wo sich Dominika tatsächlich ziemlich nackt ausgezogen hat, um das kleine Dreier-Grüppchen günstig ins Innere der Disco zu bringen. Vermerke: statt dreiundreißig Euro also zwölf insgesamt, übernommen von Igor. Danke, Igor. (Hat sie sich wirklich ausgezogen? Kann das wahr sein? Wurde es dadurch an jenem Abend in der Altstadt von Graz doch noch »legendär«?!)

Rückentfremdungseffekt

25. 9. 2016 / 20:47 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2016

Am Kamel und dem Nadelöhr, an den Maulwürfen, Schweinen und Bienen wird es nur allzu deutlich: Das Vergleichen, die Gleichnisse, das Verschlüsseln wird am liebsten mit Tieren getrieben. Gehört es nicht auch zum Tierschutz, hier etwas zu ändern?

Kein Autor sollte sich wundern, wenn es eine Sehnsucht, ja geradezu eine Forderung nach dem Rückentfremdungseffekt gibt. Man nehme etwa die Biene Maja, das Lieblingsbuch von Joseph Goebbels, mit seinen plumpen Verschlüsselungen: Die Bienen sind die Nazis, die Ameisen die Kommunisten usw. usf. Wie befreiend, wenn wir endlich ausrufen können: Arturo Ui, das ist doch Adolf Hitler! Wenn wir den Roman Animal Farm endlich nicht mehr interpretieren müssen (wie man das zu meiner Schulzeit machen musste), sondern die Auflösung gleich mitgeliefert bekommen. Ein Schwein ist ein Schwein ist ein Schwein – und das ist kein Stalinist.

stalinist

Auf dem elenden Haufen der Interpretation liegen diese von Motten (und mit Motten meine ich hier natürlich die Leseratten (und mit Leseratten meine ich hier natürlich Bücherwürmer (und mit Würmern, meine ich, welche, die sich ins Lesen hineintigern (und mit tigern meine ich, dass sie sich verbeißen)))) zerfressenen Zuordnungen, die nur Nachteile haben: Man kann sie nicht ändern. Man kann sie nicht diskutieren. Man kann sie nur endlich sein lassen.

Was bedeutet das für den armen Krimiautor, den wir gestern in der Schenke in Illmitz verlassen haben, weil er uns schon allzu sehr auf die Nerven gegangen ist. Der Krimiautor ist ein Esel, ein weißer Esel. Dieser Esel bemerkt eines Tages, dass es noch andere Esel gibt. Schade, nun ist er in der Eselwelt nicht mehr der einzige, er wird vergleichbar. Er steht für Illmitz und den Seewinkel, aber bald kommen andere Esel und reklamieren dieselbe Bedeutung für sich.

Wir sollten unsere Literatur rückentfremden, damit die Suchmaschine nicht zu uns sagt: Meintest Du vielleicht: Statlinist?

Also liebe Autorinnen und Autoren, liebe Bloggerinnen und Blogger, sagt endlich wen und was ihr meint. Werft Eure Schlüsselromane weg oder schickt uns die Umschlüsselungsliste mit. Wir wollen Lesen und nicht Literatur mit Tieren interpretieren.

Krimikataster

24. 9. 2016 / 20:18 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2016

Ein sonntäglicher Ausflug zu den weißen Eseln im Burgenland (sie sind kurz in meinem Video zypriotischer dosenhugo zu sehen) zeigt mir Möglichkeiten auf, sich mit anderen Autoren zu verfreinden. Nach dem Besuch bei den Eseln sitzen wir zu Mittag in einer Schenke. Der mittelalterliche Herr am Nachbartisch nimmt öfter Anlauf uns anzusprechen, z.B. indem er unsere Bestellung kommentiert. Wir ignorieren ihn zuerst, dann aber (und wir wissen, dass auch die Borg nicht sofort angreifen) ist er nicht mehr zu stoppen. Er duzt uns sofort.

ER:    Warts ihr bei den weißen Eseln?
ICH:  Ich bin beruflich hier.
ER:   Ach so? Was für ein Beruf?
ICH:  Ich bin Krimiautor. Ich schreibe den ersten Krimi über den Seewinkel. Ein neuer Kommissar, Sie verstehen?

(Lange Stille. Der Mann isst nicht weiter, legt das Besteck weg.)

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ER:   Du willst mich verarschen, oder?
ICH:   Nein. Warum?
ER:   Ich bin auch Krimiautor. Ich schreibe den ersten Seewinkel-Krimi. Verstehst du? Du kannst keinen Seewinkel-Kommissar mehr machen. Der Seewinkel ist besetzt.

(Die Getränke kommen.)

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ER:   Mach halt was auf der anderen Seite: Mörbisch. Rust. Aber nicht im Seewinkel. Der Seewinkel gehört mir.
ICH:  Woher soll ich das denn wissen?
ER:   Ja, hast du denn nicht im Krimikataster nachgeschaut?
ICH:  Was ist das?
ER:   Dort siehst du, wo es schon Kommissare gibt und wo nicht. Das ist doch Ehrensache, das man den Kollegen nicht ihre Region wegnimmt.

Das erinnert mich an die Liegewiesen um die Lacken in der Lobau. Dort darf man sich auch nicht auf den Platz legen, wo der Charly seit 37 Jahren liegt, auch wenn der Charly seit 5 Jahren nicht mehr gesehen wurde oder schon längst am Zentral liegt.

ICH:  Und du bist schon eingetragen im Krimikataster?
ER:   Ja, sicher!
ICH:  Ist das eine Webseite?
ER:   Ja, sicher!

(Meine Begleiterin mischt sich ein.)

SIE:  Er war zuerst. Du musst ihm den Seewinkel lassen.

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(Dann essen wir. Der Kollege schweigt lange. Dann doch wieder.)

ER:   Wie heißt dein Krimi?
ICH:  Ich träumte von weißen Eseln.
ER:   Umgetexteter Songtitel. Nicht ratsam!
SIE:  Der Titel bleibt.
ER:   Aber der Seewinkel muss weg!

(Regieanweisung)

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ER:   Wie weit bist du beim Schreiben?
ICH:  Fast fertig!
ER:   Und wie heißt dein Kommissar?
ICH:  Dann weiß ich noch nicht. Das mach ich als Allerletztes.

(Er lacht.)

ER:   Hahaha. Als Allerletztes! Wie geht das denn?
ICH:  Mit fakenamegenerator.com
ER:   Was ist das?
ICH:  Eine Webseite.
ER:   Das dachte ich mir.
ICH:  Du lässt dir eine Person erfinden. Du gibts Nationalität und Sprache an und bekommst alles:
Name, eine echte E-Mailadresse, eine echte Handynummer, Geburtsdatum, Autotyp, Kreditkartendaten, Wohnadresse – einfach alles!
ER:   Wahnsinn! Du bist doch nicht so blöd! Hätt ich Dir nicht zugetraut.

(Er packt sein Netbook aus.)

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ER:   Wie geht der Link?
ICH:  fakenamegenerator.com

(Er tippt und klickt und schweigt. Dazwischen immer nur kurz:)

ER:   Wahnsinn!
ER:   Das ist genial:
ICH:  Und wie heißt die URL vom Krimikataster?
ER:   Gib einfach Krimikataster in Google ein.
ICH:  Wie schreibt man Kataster?
SIE:  Ganz normal K-A-T-A-S-T-E-R.
GOOGLE:  Es wurden keine mit deiner Suchanfrage – krimikataster – übereinstimmenden Dokumente gefunden.

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Dressing up for Steirischer Herbst 6

23. 9. 2016 / 17:53 Uhr
/ Kategorie Randnotizen 2016

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Steirischer Herbst. Heute, heute!, beim Eröffnungsabend in der Helmut-List-Halle: Ronda hat bloß noch Augen für den Maulwurf, der an der Bar steht und Gin Tonic trinkt, »bitte herbstmild gemixt«. Ein grauer Kragen aus Spinnweben-Organza umschmeichelt Rondas Hals, eine Prise aus Salz und Schnee, erste Vorboten des noch fernen Winters, regnen und segeln aus ihrer Kette über ihr Kleid. Ein vorwitziges Glubschen sitzt auf ihrer Brust, das sich zur Hüfte und zum Schoß hin in ein Nieseln verwandelt.

Ronda hat Grund zur Freude, denn mit dem Maulwurf wird sie, innig umarmt, später noch dem »berührungslos gespielten Kultinstrument« Theremin lauschen, und die Dinge der Welt werden sich ihr bereits am nächsten Morgen ganz neu zeigen, ja, ganz neu.